Schmitt-Rousselle
            
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Manfred M. Junius

Einführende Gedanken zum Verständnis des Ayurveda

Prof. Dr. Manfred M. Junius hielt diesen Vortrag zum Ayurveda am 5. 3. 1992 im Tagore Institut, dessen Mitschrift hier in einer gekürzten Fassung wiedergegeben ist. Der Vortrag wurde in Ravicandra 1992 veröffentlicht.
© Dr. Ardo A. Schmitt-Rousselle.

Jede echte medizinische Tradition stellt nicht nur eine Wissenschaft, sondern auch eine Kultur dar. Die Art, wie wir das Universum betrachten, ist aufs engste mit unserem therapeutischen Ansatz verwoben. In der Art, wie wir das Universum betrachten, sind unsere Vorstellungen von Ausgeglichenheit und Unausgeglichenheit beheimatet. Nun müssen wir zugleich erkennen, wenn wir in westlichen Ländern über ayurvedische Medizin sprechen, dass die Definition von dem, was wissenschaftlich ist, unter den Kulturen voneinander abweicht. Der ursprüngliche Begriff scientia , also das, was man wirklich weiß, was in der Wissenschaft das einzige Kriterium war, ist vorbei. Die westliche Wissenschaft definiert heute das, was Wissenschaft ist, in verhältnismäßig engen Parametern. Dazugehört z. B. die Wiederholbarkeit unter gleichen Bedingungen, die unbedingt zu gleichen Resultaten führen muss. Sie hat sich in eine ganz bestimmte Kategorie begeben, auf der sie funktioniert. Wir haben jetzt die Wahl, die Schichten noch zu erkennen, die oberhalb oder neben oder unterhalb dieser Wissenschaft stehen, die ebenfalls Wissenschaft in dem Sinne von scientia , die aber nicht mehr in dem, was wir heute als Wissenschaft bezeichnen, untergebracht werden können. Auf diese Weise wird man zu dem Begriff Kunst greifen.
In den therapeutischen Wissenschaften reden wir jetzt im Gegensatz zu anderen Wissenschaften mehr von der Heilkunst als von der Heilwissenschaft. Es ist dieser Kunstanteil, der jede Art von Medizintradition zugleich zu einer Kultur macht, denn darin liegen die Bewertungskriterien.
Obwohl die westliche Wissenschaft sich auf eine klare Abgrenzung gegen die anderen Bereiche zurückgezogen hat, müssen wir erkennen, dass sie zu gleich doch verschiedene Ebenen anerkennt. Das wird in der Epistemologie sehr deutlich. Fragen wir uns einmal, was gehört zur Realität dieses Buches? Was sind die sogenannten samskaras, die sich mit diesem Buch verbinden; also all die kausalen Umstände, all die Verflochtenheiten, die sich mit diesem Buch verbinden? Einmal können wir den reinen Materialwert betrachten. Das Buch besteht aus einer bestimmten Seitenzahl, es ist aus Papier, aus Pflanzengemacht, mit Leim eingebunden, es hat eine bestimmte Größe, einbestimmtes Gewicht und setzt beim Verbrennen eine bestimmte Kalorienzahl frei. Eine weitere Ebene der Realität ist der Inhalt, der auch unabhängig von der materiellen Ebene denkbar ist. Es ist in diesem Fall ein Buch über Sufiweisheiten, das ich in einem meiner Seminare geschenkt bekommen habe. Hinzu kommt für mich, dass mir dieses Buch ein Freund mit einer sehr schönen Widmung geschenkt hat. Dies wird Außenstehende nicht besonders interessieren.
Wir haben so bisher nur drei Ebenen, aber es wird schon deutlich, dass wir, wenn wir mit einander kommunizieren und Begriffe klären wollen, deutlich machen müssen, auf welcher Ebene wir miteinander reden.
Die meisten Probleme und die meisten Fragen können nicht auf derEbene beantwortet werden, auf der sie gestellt werden. In der indischen Tradition haben wir die Begriffe pratyaksha und paroksha. Pratyaksha sind all die Daten, die wir an Information über die Beobachtung sammeln können, dazugehört die ganze Forschung in vitro, in laboratorio, dazugehört die Ausdehnung der Sinnesorgane durch das Mikroskop, durch den Oszillographen, die EKG`s u. a. -ein ungeheuer wertvoller Bereich der Medizin. Hinzu kommt aber noch der paroksha-Anteil, die über geordnete Realität, die zwar genauso real ist, aber nicht mit den gleichen Mitteln erfasst werden kann. Ein typisches Beispiel innerhalb der westlichen Untersuchungen ist die Erforschung der Stradivarivioline. Wir hatten eine Hochblüte des Geigenbaues in Cremona. Es wurden dort in der Barockzeit Geigen gebaut, die bis heute unerreicht sind. Die Forschung hat sich darangemacht, auf rein wissenschaftlicher Basis durch Röntgenaufnahmen, durch Materialbetrachtung, durch genaues Vermessen diese Geigen zu untersuchen. Doch trotz all dieser genauen Daten können wir keine Stradivari bauen, weil der paroksha - Anteil, der nicht auf dieser Ebene ist, nicht berücksichtigt wird. Es gibt Ebenen, die durch diese wissenschaftliche Betrachtungsweise nicht erfasst werden. Unsere Sinneswelt kann nur in einem ganz beschränkten Sektor arbeiten, das gilt genauso für die Diagnose und die Therapie. Wir bewegen uns bei all diesen Dingen in einer ganz bestimmten Schicht des Seins.
Denken wir tiefer, dann besteht dieses Buch letzten Endes nicht nur aus Papier. Es geht weiter in die Molekularebene, die für uns in dieser Form schon nicht mehr erkennbar ist. Wir wissen, dass sie da ist, sie ist wissenschaftlich erfassbar. Darunter geht es auf die Ebene der Kernphysik, hier kommen wir schon nicht mehr mit der klassischen Sprache der Physik weiter. Wenn wir dann in den subnuklearen Bereich gehen, wo sich die Materie auflöst, enden wir bei dem, was Einstein als die Feldtheoriebezeichnete. Energiekonstellationen treten hier als die letzte Wirklichkeit auf.

Das Primat der energetischen Betrachtung des Universums ist das, was die ayurvedische Medizin auszeichnet. So wie die Indische Philosophie als ganzes das Universum in einem endlosen Prozess von dynamischen Entwicklungen sieht, so ist auch die ayurvedische Medizin einer völlig dynamischen Perspektive des Universums verpflichtet. Obwohl die ayurvedische Medizin das älteste Medizinsystem ist, das wir kennen, ist sie aufgrund dieser Perspektive die modernste. Sie besitzt diese ungeheure Aktualität, weil sie der westlichen Wissenschaft da die Hand reicht, wo die westliche Wissenschaft am weitesten vorgedrungen ist, wo diese die statische Natur der Dinge und die Dauer der Dinge in Frage stellt und zur dynamischen Perspektive zurück- kehrt. Selbst der menschliche Körper (sarira) wird dynamisch gesehen - als das definiert, was langsam zerfällt. Man ist seit der Geburt in Lebensgefahr.
Wenden wir uns, bevor wir die Energien genauer betrachten, der Definition zu, die die ayurvedische Medizin selbst gibt. Das Wort ayurveda enthält zwei Sanskrittermini: ayus bedeutet Leben und veda Wissen oder auch Wissenschaft. Es bezieht sich keineswegs nur auf die vier Veden, also auf die alten Quellen des Wissens, veda ist ein übergeordneter Begriff für alles Wissen Und damit sind wir wieder bei dem Begriff scientia. Wir können also übersetzen: die Wissenschaft vom Leben, von den Lebensprozessen oder die Wissenschaft vom langen Leben, vom richtigen Leben. Diese sagt von sich selbst: Die Gesundheit gesunder Menschen zu erhalten und die Krankheit kranker Menschen zu heilen, ist die Aufgabe des Arztes, aber der Arzt ist nicht Herr über Leben und Tod.
Es ist interessant, dass an erster Stelle die Gesundheitsorientierung steht. Die Gesundheit gesunder Menschen zu erhalten durch einen vernünftigen Lebensstil, vernünftige Ernährung, vernünftige Art und Weise, mit den Dingen umzugehen, mit denen wir in Verbindung kommen, ist das Erste Ziel. Erst an zweiter Stelle steht die krankheitsorientierte Medizin, sie geht also einen etwas anderen Weg. Wir wissen, dass in orientalischen Kulturen, z. B. in China, die Ärzte nur so lange bezahlt wurden, wie die Patienten gesund waren.
In der ayurvedischen Medizin wird Gesundheit als ein Stadium im Gleichgewicht definiert. Das bedeutet, nicht nur hoher Blutdruck und niedriger Blutdruck im Gleichgewicht oder zu- viel oder zu wenig Thyroxin oder Hämoglobin usw., sondern es bedeutet vor allem auch Ausgleich mit allen anderen Gebieten des Lebens. Der Begriff der Homöostase, des Ausgleichs, wird in der ayurvedischen Medizin ausgedehnt auf die Tatsache, wie der Mensch mit seiner Kultur lebt, wie der Mensch mit den Menschen lebt, die er liebt, wie er mit seinen Hobbys umgeht, wie er mit seiner Ernährung umgeht. Dadurch bietet sich das psychosomatische Konzept von vornherein an, denn da, wo etwas aus dem Gleichgewicht ist, sei es nur durch ein Hobby, entsteht sofort ein Unausgleich und der schlägt sich sowohl im Psychischen als auch im Physischen nieder.
Nun ein kurzer Blick auf die Energien. Wenn wir sagen, wir sind energetisch orientiert, dann müssen wir wissen, wo unsere Maßstäbe sind, was wir messen, wie wir feststellen können, wo ein Überschuss oder ein Mangel ist. Wie auch in anderen Systemen besteht in der ayurvedischen Medizin die Auffassung, dass der Mensch ein Mikrokosmos ist, dass sich in ihm in einer Miniform die Gesetze des gesamten Kosmos spiegeln. Wir können durch Beobachtung drei Hauptenergien im Universum feststellen. Die Beobachtung ist ein ganz wesentlicher Teil der ayurvedischen Betrachtung.
Die erste große Energie, die wir im Universum wahrnehmen, ist Bewegung. Diese Energie nennt man vata. Wörtlich bedeutet vata Wind, das ist natürlich nur in einem sehr übertragenen Sinne zu deuten, weil der Wind die Energie ist, die die Dinge hier auf der Erde bewegt. Man meint damit aber auch Transmissionen innerhalb des Nervensystems, die ja chemisch ablaufen, wie wir heute wissen.
Die zweite Energie, die wir feststellen können, ist die Umwandlung, das Kochen mit Hilfe von Hitze, die Kraft der Konversion der Stoffe. Wir brauchen nur die Sonnen anzusehen, die Spektralanalyse teilt uns genau mit, in welchem Stadium der Transformation diese Sterne sind. Wir können genau den Anteil der chemischen Elemente feststellen. Nach einiger Zeit ändert sich diese Analyse, weil die Prozesse auf ein ganz bestimmtes Ziel hinlaufen. Diese Energie der Konversion heißt pitta.
Wir stellen aber auch fest, dass trotz dieser großen Bewegtheit und Konversion für einige Zeit Konglomerate eine erstaunliche Stabilität aufweisen. Galaxien haben ja ein sehr langes Leben, Sonnensysteme haben ein sehr langes Leben, Organismen haben ein relativ langes Leben, Zellen haben ein relativ langes Leben. Die Energie, die diese Konglomerate, diese Präzipitation in gut organisierte Organismen, Sonnensysteme usw. , schafft, nennt man kapha. Wörtlich bedeutet dies: Phlegma, das, was sich absetzt.
Diese drei Energien müssen nach der ayurvedischen Lehre möglichst nah im Gleich gewicht sein. Wir haben sie alle nicht hundertprozentig im Gleichgewicht, aber ein gesunder Organismus hat die Energien sehr stark angeglichen, d. h. , dass die drei Energien vata, pitta und kapha im Menschen in Harmonie arbeiten. Wenn nun eine dieser Energien zu gering ist oder ein Überschuss einer dieser Energien da ist, dann wird der Mensch krank. Dadurch, dass jeder Mensch diese Energien in verschiedenen Größenverhältnissen in sich trägt, d. h. sie sind in unterschiedlicher Weise aktiv oder inaktiv, ergeben sich verschiedene Grundkonstellationstypen, mit denen die ayurvedische Medizin arbeitet. Das sind der vata-Typ, der pitta-Typ und der kapha-Typ und die Verbindungen wie z. B. der vata-pitta-Typ und der sama-Typ, bei dem alle diese doshas (so nennt man diese Energien) im Ausgleichstehen. Den sama-Typ habe ich noch nie gefunden. Die meisten Menschen haben überwiegend den einen oder den anderen dosha. Man nennt diese Betrachtung der drei Energien auch tridosha. Das Wort dosha heißt Fehler. Es sind die Energien, die schief gehen können. Wir glauben, dass keine dauerhafte Heilung möglich ist, wenn diese Beziehungs- bereiche nicht bis zu einem Minimum wiederhergestellt sind. Es ist nicht ganz so einfach, wie ich es jetzt darstelle, es gibt nicht nur drei Energien als solche, sondern die doshas haben jede noch in sich fünf weitere Unterteilungen.

Zu nächst stellt der ayurvedische Arzt die Konstitution des Patienten, den Typ, die sogenannte prakrti (wörtlich: die Natur) fest. Außerdem muss er untersuchen, welche der doshas nun in diesem Augenblick in Unordnung sind. Und wir sehen dann dieses Stadium der Aggravation auf dem Hintergrund der Konstitution. Wir wissen ja in der Medizin , dass sich die Konstitution während eines Lebens nicht ändert. Wir können sie zwar nicht ändern, aber wir können mit unserer Disposition sinnvoll oder unsinnig leben. Da die ayurvedische Medizin jeden Menschen nach seiner Konstitution betrachtet, gibt es keine Patentrezepte, die für alle gelten. Es gibt keine richtige Ernährung als solche. Ebenso gibt es kein richtiges Heilmittel für eine bestimmte Krankheit. In der ayurvedischen Medizin kommt es häufig vor, dass für die gleichen Krankheiten bei unterschiedlichen Konstitutionstypen ganz verschiedene Mittel eingesetzt werden. Also für den einen kann Milch sehr gut sein, ein anderer sollte überhaupt keine Milch trinken. Man kann also nicht sagen, Milch ist gut oder schlecht. Wir berühren nie einen Fall, ohne uns zunächst über die Konstitution im klaren zu sein. Daher kommen in der ayurvedischen Medizin die vielen Fragen. Es gilt herauszufinden, wie der Mensch in das Kräfteverhältnis der Felder, die ihn umgeben, eingespannt ist und wie er darauf reagiert, was er verwirklicht, was er nicht verwirklicht hat, was als Potential, was als vollentwickelte Fähigkeit da ist. Das sind für die ayurvedischen Ärzte ganz wichtige Fragen und dementsprechend lange dauert die Konsultation. Häufig ist es auch notwendig, mehrere Konsultationen aufeinander folgen zulassen. Erst wenn wir sicher sind, um welche Konstitution es sich handelt, wie das Grundgefüge der doshas, der vielen Gewebearten (die sogenannten dhatus), der malas ist, wie die Ausscheidungsprozesse funktionieren, wie der Mensch zu Lernprozessen, wie zu Verdauungsprozessen steht, erst dann kommt die Frage der Therapie.
Für die Therapie bieten sich nun konventionell - aufgrund einer enormen Erfahrung - ganz bestimmte Modelle an. Auf Kongressen fällt immer wieder auf, dass z. B. chinesische und ayurvedische Ärzte ähnliche Behandlungsweisen haben, aber dafür verschiedene Gründe angeben. Wenn Kinder in der Schule Lernschwierigkeiten haben, dann behandeln chinesische Ärzte das auf dem Kolonmeridian, besonders auf dem Kolon4, der eine starke Beziehung zum Kopf hat. Als Begründung geben sie an: Der Kolon ist ein wichtiges Organ der Absorption, und Lernen ist ein mentaler Absorptionsprozess und deswegen verbinden wir das. Für uns ist diese Antwort nicht befriedigend, denn soviel wird ja nicht mehr im Kolon absorbiert. (Im Kolon wird lediglich noch etwas an Wasser, Glukose, Salzen absorbiert, der Speisebrei wird nochmals eingedickt, sehr viel Flüssigkeit wird ihm im Kolonentzogen. Ob man da wirklich noch von großer Absorption sprechen kann?) Der ayurvedische Arzt wird sagen, dass der Kolon der Hauptsitz des vatadosha ist und dass dies der Grund ist, warum wir ihn behandeln müssen, denn vatadosha ist Herr des Nervensystems. Das Nervensystem gehört zum Bewegungsnaturell, weil es die Impulse überträgt. Deshalb behandeln wir das auch auf dem Kolon, entweder auf dem nadi (Meridian) oder direkt an dem Organ durch Einläufe, durch bestimmte Behandlungen mit Metallen, und dann bessert sich die Lernfähigkeit.
Wir haben also zwei verschiedene Modelle, die unterschiedliche Gründe angeben, warum sie das machen, aber beide Systeme funktionieren. So haben wir uns angewöhnt, viele Modelle als Techniken anzunehmen, ohne dass wir unbedingt immer fragen, wie das mit der prozentualen Absorption ist, sondern wir gehen einfach nach diesen Modellen vor, die wir willkürlich auf grund der großen Tradition benutzen. Vielfach tun wir in der Wissenschaft das gleiche. Hier wird in Metern, in Amerika wird in Fuß gemessen. Man setzt Maßstäbe fest, mit denen man an die Wirklichkeit herangeht, ohne sich klar zu sein, dass das ja völlig subjektive Dinge sind. Deshalb übernehmen wir offen die Modelle - sei es nun aus der chinesischen oder aus der ayurvedischen Medizin . Dies führt zu einem sehr guten Resultat in der Praxis.
Die Art, wie man dann an die Therapien herangeht, ist ungeheuer vielfältig. In erster Linie wird unterschieden, was die doshas anhebt und was sie unterdrückt. Wir betrachten also nicht so sehr das einzelne Phänomen, sondern wir stellen zunächst das Stadium der Unausgeglichenheit fest und machen einen großen "Overallplan". Das ist wieder eine typisch indische Geisteshaltung, die erst einmal vom Gesamten ausgeht und dann mehr zum Detail kommt.
An dieser Stelle sei daraufhin gewiesen, dass die ayurvedische Medizin selbstverständlich mit größter Hochachtung die westliche Medizin betrachtet. Auf keinen Fall handelt es sich bei der ayurvedischen Medizin um irgendeinen Kult, der glaubt, er hätte die Antworten, die in allen Dingen besser wären oder die einzige Wahrheit wären. Das ist total gegen den Geist der ayurvedischen Medizin . Wir werden ständig ermahnt - auch in den alten Texten-, eine ganz offene Einstellung zuhalten, uns mit allen anderen Systemen anzufreunden und sie zu prüfen. Es ist einfach unsinnig, wenn man glaubt, die großen Verdienste der westlichen Medizin schmälern zu können, wenn man bedenkt, was allein in der Chirurgie für eine fabelhafte Leistung erbracht wird. Andererseits ist die Chirurgie das direkte Resultat eines mechanistischen Denkens, das innerhalb der newtonschen Gesetze sehr weit kommt.

Nun möchte ich aber noch einmal darauf hinweisen, dass es verschiedene Realitätsbegriffe übereinander gibt, diese sogenannten samskaras, die Schichten von Wirklichkeiten darstellen. Das Universelle ist nicht das, was sich in der Horizontale anbietet; es ist etwas, was wie eine Vertikale durch die verschiedenen Schichten geht. Das bedeutet, es ist auf allen Ebenen anwendbar, von der Küche bis zur Metaphysik. In dieser Vertikalen ist die ayuvedische Medizin zu Hause. Sie setzt je nach Notwendigkeit der Heilung in ganz verschiedenen Ebenen an. Beispielsweise werden dem Patienten Atemübungen, eine ganz bestimmte Diät, Meditationsübungen, Übungen beim Spazieren gehen, sowie das Hören bestimmter Musikstücke (ragas) empfohlen. Man macht ihm eine Therapie zurecht, die auf vielen Ebenen zugleich ansetzt.
Auch die Heilmittel operieren nicht nur auf einer Ebene. Zum Beispiel sind in der ayurvedischen Medizin Geschmacksrichtungen in sich bereits Wirkungsquanten. Es sind keine Begleiterscheinungen, sondern sie haben an sich schon ganz bestimmte Wirkungen, nicht durch die Bitterstoffe, die eine Pflanze enthält, sondern allein schon durch das Aroma.
Wir unterteilen in der indischen Medizin die Substanzen in satmya und asatmya, das, was geeignet ist und das, was nicht geeignet ist für den Menschen. Zu gleich betrachten wir die Natur als nirindriya und als sendria. Wörtlich bedeutet nirindriya "nicht mit Sinnesorganen begabt", sendria "mit Sinnesorganen begabt". In der westlichen Welt würde man anorganisch bzw. organisch sagen. Der Ausdruck "mit Sinnesorganen begabt" kommt daher, dass die Substanzen, wenn sie pharmakologisch aufgearbeitet sind, in einen Dialog mit der menschlichen Physiologie treten können. Sie werden dort erfasst und haben Wirkungsquanten.
Bei der Aufbereitung von Heilmitteln handelt es sich sehr oft um eine Kombination vieler verschiedener Ebenen. Von außerordentlicher Bedeutung sind die so genannten bhasmas, das sind metallorganische Verbindungen. Die Heilmittel werden nun folgendermaßen hergestellt. Wir wissen, dass die meisten Metalle toxisch sind. Der erste Teil in der Aufbereitung dieser Medizin ist dementsprechend ein Reinigungsprozess, der aber nichts mit chemischer Reinigung zu tun hat, denn in Wirklichkeit machen wir die Metalle unrein. Wir bringen sie mit organischen Stoffen in Verbindung. Beispielsweise wird Metall geschmolzen und in Buttermilch, in Kuhurin oder in Abkochungen aus bestimmten Pflanzen gegossen. Das wird solange wiederholt, bis das Metall eine gewisse Veränderung erfahren hat. Dabei handelt es sich aber keinesfalls um eine gewöhnliche Oxidation. Dieser Prozess kann oft zehn oder zwölf Schritte darstellen, die vielleicht noch sieben mal wiederholt werden. Dann setzt man dem inzwischen etwas brüchig gewordenen Metall z. B. Gelbwurz zu und rührt solange um, bis das Metall zu einem Granulat zerfällt, was dann die Weiterverarbeitung erleichtert. Dies geschieht alles noch offen über dem Feuer. Nun macht man aus dem Metall und den entsprechenden Pflanzenpasten kleine "Frikadellen" und setzt sie in Gefäße, in denen geschlossen kalziniert wird. In Indien werden Tonschalen abgedeckt und in Gruben gesetzt, die mit Kuhdünger aufgefüllt werden. Dann wird der Kuhdünger entzündet und das Ganze brennt gleich mäßig bei einer Temperatur von etwa siebenhundert Grad Celsius. Normalerweise würden die Metalle ja bei einer offenen Kalzination oxidieren, dies können sie jetzt nicht, und sie suchen sich Bausteine für organische Ringe aus den Pflanzenteilen, mit denen sie verbunden sind und bauen sie um sich herum. Nun mischt man die "Frikadellen" erneut mit Pflanzenpaste und wiederholt die Kalzination. Dieser Prozess wird jetzt vierzig, sechzig oder hundertmal wiederholt, in einigen Fällen sogar bis zu tausend mal. Bei der Kalzination wird die Menge der zugesetzten Pflanzenpaste langsam größer; wir haben also in langsamen Schritten eine Potenzierung vor uns, wie sie auch in der Homöopathie gemacht wird.
Die Grundheileigenschaft, die der Pflanze eigen ist, mit der das Metall verbunden ist, überträgt sich auf das bhasma, aber nicht mehr in Form von aktiven Prinzipien. Wir haben also keine Glykoside, keine Alkaloide, also keine Stoffe mehr, die eigentlich das Wesen der Pflanzentherapie ausmachen. Es bleibt nur noch eine Information übrig. Obwohl der ganze Phytokomplex zerstört wird, überträgt sich der Charakter der Pflanze auf das endgültige Resultat der metallorganischen Verbindung.
Auf der unteren Schicht bauen wir hier Ringe um Metall. In der zweiten Schicht potenzieren wir. Die dritte Ebene besteht in der Informationsübertragung. Das ist echte ayurvedische Betrachtung in der Aufbereitung der Heilmittel. Auf der parokxa- Ebene, auf der höheren Ebene kommen dann noch Mantren hinzu. Außerdem wird im Labor wie in einem Tempel gearbeitet. Es ist Vorschrift, dass man im Labor Bilder von Göttern, von Heiligen hat, dass die Ostwand des Laboratoriums ein shivalinga ziert, den man verehrt. Bevor man an die Arbeit geht, soll man alles, was man tut, Gott zu Füßen legen. Das selbe soll man nach Verrichtung der Arbeit tun. Es wird also ständig in einer spirituellen Realität gearbeitet. Wir arbeiten mit vielen Ebenen übereinander.
Dieses gilt nicht nur für die Bereitung der Heilmittel, sondern auch für die eigentliche Therapie am Patienten. Wir versuchen, diese verschiedenen Schichten des Patienten zu sehen, auch wie sie ineinander greifen. Wir gehen also nicht innerhalb von isolierten Kategorien vor, was einen sehr wesentlichen Unterschied zur europäischen Medizin darstellt.

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